Machen Sie mit mir den Check, ob Sie bereit sind für die Zeit nach der Corona-Krise. Was haben Sie in der Homeoffice Zeit erlebt und gelernt? Und was nehmen Sie Brauchbares über die Krise hinaus mit - für sich und organisational? Ich lade Sie ein zu einer Etappenreflexion zum Abgleich der Lern- und Veränderungskurven.
Meine Erkenntnisse aus sechs Wochen „Corona“, strikt im Homeoffice mit vielen, d. h. noch mehr (Video-)Telefonaten, Webinaren, Online-Meetings, Recherchen, Weiterbildung und Learnings aus Online-Formaten, teile ich gern - strukturiert mit der PMI-Methode. Diese Methode teilt sich in drei Bereiche, die im Folgenden nacheinander behandelt werden: Pluspunkte, Minuspunkte und Interessantes. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Verallgemeinerung und bewerte keine einzelnen Tools.
Vorab, seit Jahren bin ich mit remote work vertraut und praktiziere virtuelle Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Tools, Toolkombinationen und Formaten mit verschiedenen Teams nicht nur in der Scrumwelt. Doch die geballte und ausschließliche Bildschirmzeit bringt mich als systemische Beraterin und Gruppendynamikerin zu den nun folgenden Einsichten. Die Dichte macht den Unterschied.
Gefunden habe ich eine Vielzahl von Selbstkompetenzen, die jetzt zum Bestehen dieser Zeit gefragt sind und einen Boost an digitaler Kompetenz. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass sich nicht nur Arbeitsformen ändern, sondern auch Erwartungen, Rollen und die Art, wie wir Sinn und Wirksamkeit erleben.
Warum eine Retrospektive jetzt besonders wirksam ist
Auch wenn früher einiges besser, da gewohnter und mit mehr Erfahrungswissen untermauert war, lässt sich die gute alte Präsenztrainings- bzw. Workshop-Praxis strukturell, inhaltlich und technisch so gut wie eins zu eins in die digitale Welt übersetzen. Die klassische (Hochschul-)Vorlesung und das „Ich-zeige-dir-wie es-geht-Video“ machen es deutlich. Übertragbar ist nicht gleich wirksam.
Hingegen fördert und fordert das digitale Arbeiten und Leben andere Ressourcen als Präsenzveranstaltungen bspw. an Mehrwert und Kompetenzaufbau. Genau hier setzt eine Retrospektive an: Sie macht Lernkurven explizit, schützt vor „Zurück zum Alten“ als Reflex und öffnet den Blick für das, was sich bewährt hat.
Eine Retrospektive ist keine nostalgische Rückschau. Sie ist ein strukturierter Lernraum, in dem Teams und Organisationen das Erlebte sortieren, Bedeutung herstellen und Entscheidungen für die Zukunft ableiten. Reflexion wird zur Führungsaufgabe.
Pluspunkte: Was hat im Homeoffice und Online-Lernen geholfen?
Da wir über Links zu Webinaren oder Meetings zueinander finden, bieten die Einladungen zu diesen Terminen eine günstige Gelegenheit für Vorabinformationen, kleine Aufgaben, Reflexionen oder Hinweise. Einzelne Vor- und Nachbereitungsaufgaben werden den Teilnehmern anheimgestellt, das setzt Selbstverantwortung und gute Organisation voraus. Vorbereitung wird Teil der Lernleistung.
Hiermit ergibt sich die Chance, den Lerninhalt mit dem eignen Lernrhythmus ein Stück weit zu gestalten. Gleichzeitig zeigt sich: Wer gute Ergebnisse möchte, muss Terminplanung und Zeitmanagement aktiv steuern, statt sich vom Kalender treiben zu lassen.
Eine gute, minutengenaue Vorbereitung der Online-Sessions und gleichzeitig eine Offenheit für Spontanes und Unvorhergesehenes zahlt sich aus. Das ist nichts Neues, das war für gute Workshops und Seminare unablässig. Neu erlebbar wird jedoch, wie schnell Aufmerksamkeit im Digitalen kippt. Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource.
Nicht nur durch interessante Abfragen und Stimmungsbilder bei größeren Gruppen, sondern auch durch abwechslungsreiche, anwendungsfreundliche und interaktive Tools, wie digitale Post it´s oder Scribbles, können angenehme Begleiter in Klein- und Großgruppen-Arbeitsphasen sein. Wichtig ist dabei weniger das Tool als die didaktische Idee dahinter.
Das neue Motto lautet: kurze Sessions, frisch, time-boxed und auf den Punkt.
Eine bisher übliche Ganztagesveranstaltung lässt sich besser in mehrere ein- bis zweistündige Bausteine aufteilen, so dass Pausen entstehen, die sowohl für den Geist als auch für den Körper notwendig sind. Das wirkt zunächst wie ein Mehraufwand, kann aber in der Summe zu mehr Transfer führen.
Auch hier bleibt die Herausforderung, ein adäquates Tempo für die Lern- bzw. Experteninhalte an den Tag zu legen. Was mir Spaß macht, sind gut verständliche und zielorientierte Aufgabenstellungen in kleinen vorstrukturierten Häppchen in Kombination mit kurzen anschaulichen Experteninputs und sinnvollen, wohlorganisierten (Klein-)Gruppenarbeiten. Klarheit reduziert Online-Stress.
Essentiell bei diversen Formaten ist eine passende und klare Visualisierung der zu vermittelnden (Experten-)Inhalte, der thematischen Struktur und der technischen Anwendung. Unsere Augen als Hauptsinnesorgan sind durchweg gefordert. Wir lernen visuell und schauen lieber auf schön Gestaltetes und Anschauliches, was dann hoffentlich auch im Kopf gespeichert bleibt.
Dies ist die Zeit der Designer und derjenigen, die den Sinn fürs Detail und eine gute Übersetzung von Inhalt zu Bild gewährleisten können. Gestaltung wird zum Wirkfaktor.
Eine Vielzahl von leicht einzubindenden Tools und Plattformen sorgen für Abwechslung und vertiefen die Anwenderkompetenz. Die neuen Lernformate bieten neue Möglichkeiten und erweitern Denkräume, wenn sie nicht als „Notlösung“, sondern als eigenes Format ernst genommen werden.
Minuspunkte: Wo entstehen Reibung, Verlust und Erschöpfung?
Auf der anderen Seite gibt es in Online-Formaten viele parallel stattfindende Aktivitäten, die ablenkend wirken (können) und Energie beanspruchen. Beispielsweise können Informationen im Chat mitgelesen werden, bei Videoteilnahme binden ggf. viele Gesichter und Hintergrundräume Interesse. Reizdichte kostet Energie.
Wenn nicht „gemutet“ wird, stummgeschaltet, herrscht regelrechtes Chaos für Ohren, Augen und Hirn. Hier zeigt sich, dass alle lernen (müssen), mit diesen Interaktionen einen Umgang zu finden, um aus den Online-Angeboten einen passenden Mehrwert mitzunehmen.
Zum anderen braucht es soziale Regeln für das Gestalten von Zusammenarbeit. Auch nichts Neues, nur anders. Regeln sind nicht Kontrolle, sondern Entlastung, weil sie Erwartungen klären und Missverständnisse reduzieren.
Tatsächlich gibt es wenig individuelles Feedback oder Rückkopplungen durch die Fachperson in den (Großgruppen-)Formaten zum Lernfortschritt. Außerhalb der angebotenen Module sind viele Experten ansprechbar; einzelne Aufgaben lassen sich im Nachhinein aufgreifen und durch das Teilen auf verschiedenen Medien vergleichen. Begleitung wird selektiver.
Hier steht individuell begleitetes Lernen deutlich zurück. Die Kompetenzen der Autodidakten und Selbstorganisierer sind mehr denn je gefragt. Ebenso tut es gut, Verständnis und Anerkennung für die Kompetenzen unterschiedlicher Lerntypen aufzubringen und sich der Herausforderung zu stellen, aus der eigenen Komfortzone heraus zu treten.
Zeit für Informelles, der Plausch in der Kaffeepause zwischen den Seminarteilen kommt kurz. Wem an diesem Austausch gelegen ist, braucht Eigeninitiative und Selbstmotivation. Gerade diese informellen Räume sind jedoch oft der Ort, an dem Vertrauen entsteht.
Viele Angebote finden auch später am Tag oder abends statt. Das bedeutet sowohl Segen als auch Fluch für die Koordination von Familie und Beruf daheim. Es ist wichtig, den Blick dafür offen zu halten, dass die Kehrseite der dauerhaften Verfügbarkeit in einen mangelnden Ausgleich mit Freizeit/Auszeit münden kann und Erschöpfung hervorruft. Erreichbarkeit ist keine Nachhaltigkeitsstrategie.
Auch hier sind gute Kolleg*innen und Führungskräfte gefragt, den Anspruch und das Maß der Möglichkeiten zu reflektieren und bereits aufgebauten Stress abzufangen. Das bedeutet nicht, alles zu erlauben, sondern Grenzen gemeinsam zu definieren und zu schützen.
Interessantes: Welche Muster sind neu oder wurden deutlicher?
Es ist sinnvoll, dass mindestens zwei Moderator*innen durch die Online-Formate führen. Oftmals bewährt sich eine Aufteilung der Personen auf die Funktionen bzw. Rollen, die auch zwischenzeitlich wechseln können: Technik, Moderation (Chat) und fachlichem Input. Rollen entlasten Komplexität.
Umso essentieller kristallisiert sich ein wohldurchdachtes Ablaufdesign heraus. Auch bei Großgruppen, d.h. mehr als 30 Menschen, lässt sich nur so Informationsweitergabe, persönlicher Austausch, Förderung von Vernetzung untereinander sowie Anwenderkompetenz online gestalten.
Eine organisatorische Herausforderung sehe ich darin, beispielsweise ein Tagesseminar auf mehrere Module aufzugliedern und diese Module dann über mehrere Tage oder Wochen mit einer beständigen Gruppe energievoll zu halten. Hier braucht es Wiederholung, Rhythmus und bewusste Energieplanung.
Hilfreich war in den letzten Wochen für viele, an einem Crashkurs in der Toolnutzung vorab teilzunehmen. Dieser diente neben dem Kennenlernen der wesentlichen Instrumente der Online-Tools vor allem dazu, sich mit den Funktionen von Kamera/Video und Mikrofon vertraut zu machen und auch die Sicherheitseinstellungen zu berücksichtigen. Sicherheit schafft Teilnahme.
Die Verlagerung des Arbeitsalltags regelrecht vollständig in den virtuellen Raum und die Verfügbarkeit von vielen Workshops und Webinaren bietet unterschiedliche Möglichkeiten zur Nutzung der neuen Gegebenheiten. Ob konzentriertes Begleiten der Inhalte in Präsentationen, passives Hören von Podcasts zwischendurch oder aktive Mitarbeit in Breakout-Rooms, es liegt an uns, den persönlichen Mehrwert aus Veranstaltungen und Formaten zu ziehen.
Denn Ergebnisse und Erkenntnisse werden auch online erzielt, selbst gegen die Erwartungen. Dabei ist es möglich, sich teilweise anonym durch die Veranstaltungsformate zu klicken. Der zwischenmenschliche Faktor von Lerngelegenheiten kommt enorm kurz; ebenso sieht es bei den sozialen Bedürfnissen aus, die zurzeit hintenanstehen müssen. Sozialkontakt bleibt ein Grundbedürfnis.
Es braucht Pausen, das wussten wir auch schon. Aber heute umso mehr. Pausen sind nicht Unterbrechung, sondern Voraussetzung für Verarbeitung und für die Rückkehr von Konzentration.
Die aktuelle Situation erlaubt und erfordert den Spielraum, Entscheidungsprozesse dezentraler zu denken und zu leben. Dem agilen, selbstorganisierten Arbeiten wird durch die Corona-Krise Vorschub geleistet. Das stellt das eine oder andere Führungsverständnis auf die Probe, wenn es um Vertrauensarbeitszeit, Familie und Beruf, Eigenverantwortung und Ansprüche geht.
Heute gilt es für jede*n, die Selbststabilisierungsprozesse zu fördern. Das meint im Sinne des Selbstmanagements einen Umgang mit Unsicherheit und stetigen Veränderungen zu finden und daraus zu lernen, stetig. Sobald ich feststelle, es funktioniert, ich habe Einfluss auf mein Gefühlsleben und außerdem auch Gestaltungsmöglichkeiten, wächst die eigene Selbstwirksamkeitserwartung. Selbstwirksamkeit macht handlungsfähig.
Resümee: Fragen, die in eine Retrospektive gehören
Wir lernen so oder so, dass es auch anders geht. Gerade jetzt ist es umso deutlicher, dass wir nicht nicht lernen. Und natürlich freuen wir uns darauf, uns wieder in Persona, menschlich, zu begegnen.
Viele wünschen sich, baldigst dort anzuknüpfen, wo im März der Schnitt einsetzte. Doch die Wochen des körperlichen Abstandhaltens dazwischen haben ihre Spuren hinterlassen und brauchen organisationale Reflexion. Erfahrungen brauchen gemeinsame Verarbeitung.
- Was nehmen wir aus der momentanen Situation mit und wie lassen sich die gewonnenen Learnings für die Zusammenarbeit in Zukunft implementieren?
- Was bleibt rückblickend von dem, was gerade Alltags-Survival-Kompetenz ist, teilweise frisch aufgebaut, und worin sind wir digital (im Homeoffice) vielleicht sogar besser?
- Wie wollen wir in Zukunft miteinander arbeiten?
- Wie blickt jede*r Einzelne auf die Phase, was haben wir gewonnen, was machen wir nicht weiter und wovon wollen wir mehr?
- Wie können die zu Tage getretenen personalen und organisationalen Ressourcen und Kompetenzen für die Zukunft nachhaltig gewürdigt werden und erhalten bleiben?
- Und was haben wir sonst noch alles mitgenommen? Was ist von Bedeutung für den Erfolg unseres Geschäftsmodells nach dieser Zeit?
Die Retrospektive bietet eine wunderbare Form, als Einheit innezuhalten, achtsam auf das Vergangene zu blicken, um damit kraftvoll gemeinsam nach vorn zu schauen.
Wir begleiten Sie auf diesem Weg gerne.