Ein Bein aus dem Bett heraushängen lassen

17.02.2017

Als ich vor über 30 Jahre als Nachwuchskraft meine Management-Laufbahn begann, begegnete ich einer sehr teamorientierten Führungskultur mit einer extrem flachen Hierarchie. Vieles an dem Unternehmen war rückblickend sehr modern, z.B. auch ein der Konkurrenz weit überlegenes IT System.

Was aber wohl eher in eine Burschenschaft gepasst hätte, war die Robustheit, mit dem die Beschwörung und Verfestigung der Gemeinschaft regelmäßig mit dem übermäßigen Konsum von Alkohol endete. Als Neuling und dem Rausch eher zurückhaltend gegenüber Stehender konnte ich staunend beobachten, wie Anerkennung und Karriere durchaus durch kräftige Teilhabe an diesem Ritual gefördert werden konnten.

Das kreiselnde Gefühl stoppen

Ein üblicher Scherz untereinander war im Zusammenhang mit ausführlichen Gelagen die Empfehlung, wenn man im Bett läge und sich das Zimmer um einen herum drehen würde, solle man doch einfach ein Bein aus dem Bett heraus hängen lassen und die Bremse treten, um das rasende Kreiseln zu stoppen.

Genau dieses alberne Bild kam mir heute in den Sinn, als ich zwischen zwei Terminen im Büro stand und um mich herum jeder PRAXISFELD Mitarbeiter in ein anderes Zimmer oder zu einem Kundentermin raste.

In der besagten Firma sind wir selten gerast. Wir haben lange und viel gearbeitet, aber sicher nicht schnell. Wir haben uns kaum jemals gehetzt gefühlt. Das schnellste waren wohl die besagten Zimmerdrehungen. Mir selber lag der Alkohol nicht und es wurde mir bald zu langweilig. Aber der Geheimtipp, einfach ein Bein rauszuhängen und die Bremse zu treten, das ist genau das Bedürfnis, was ich jetzt habe.

In der nächsten Gesellschaft wird alles immer schneller

Seit Jahresbeginn sind vom ersten Tag an große Anfragen hereingekommen und hat bei uns das Tempo derart angezogen, dass ich mich nicht mehr nur freue, sondern überlege, was das bedeutet und was zu tun ist.

Was da los ist, dazu habe ich natürlich eine Hypothese. Als Organisationsberatung fällt es einem ja relativ leicht, das eigene Wissen auch auf sich selbst anzuwenden (Nicht. Nur manchmal.). Management-Vordenker Peter Drucker und natürlich Dirk Baecker von der Universität Witten/Herdecke nennen die Entwicklung zu „alles wird immer schneller“ etwas nebulös die nächste Gesellschaft. Dazu ein kleiner Exkurs:

Die vier Medienepochen der Menschheit

Baecker unterteilt dafür die Geschichte der Menschheit in vier Medienepochen, die sich nicht ersetzen, sondern überlagern. Kurz zusammengefasst sind das:

  1. Die Stammesgesellschaft mit dem dominanten Verbreitungsmedium der Sprache, die komplexere Kommunikation mit Anwesenden vor dem Hintergrund einer mystischen Vergangenheit und einer Fortsetzung der Gegenwart in eine immer gleiche Zukunft ermöglicht.
  2. Die antike Hochkultur, beginnend mit der Erfindung des Verbreitungsmediums der Schrift führt zur Möglichkeit der Kommunikation mit Abwesenden und erzeugt ein verändertes Erleben der Zeit und die Vorstellung einer göttlichen und weltlichen Hierarchie, in der jedes Ding und Wesen seinen Platz hat.
  3. Mit dem Buchdruck entsteht dann die funktional differenzierte Gesellschaft der Moderne mit ihrer Möglichkeit, viele Meinungen neben der allein richtigen Meinung der Kirche zu lesen und zu vergleichen. Als Bewältigungsformen des damit einhergehenden Sinnüberschusses entwickelt die Gesellschaft die Aufklärung und die Kritik.
  4. Durch die Entdeckung und Nutzung des Stroms und den damit entstehenden zunächst elektronischen und später digitalen Verbreitungsmedien der Kommunikation sind wir nun in der nächsten Gesellschaft angekommen.

An dieser Stelle komme ich auf meinen Wusch zurück, mal etwas zu bremsen, sei es mit einem Schleppanker oder einem ausgestellten Bein oder womit auch immer.

Die nächste, auch digitale Gesellschaft, zeichnet sich laut Dirk Baecker durch eine nervöse Unruhe aus. Die instantane (sofortige) und allumfassende Verfügbarkeit von Informationen und Kommunikation über digitale Medien führt zur Notwendigkeit neuer Bewältigungsstrategien, die wir ganz offensichtlich noch nicht vollständig beherrschen.

Netzwerke sind die Strukturform der nächsten Gesellschaft

Die Strukturform der nächsten Gesellschaft – und damit auch der Organisationen – wird nicht mehr die der funktionalen Differenzierung, auch Silos genannt, sein. Die Strukturform der nächsten Gesellschaft, in der wir längst angekommen sind, ist das Netzwerk. Und dieses Netzwerk stellt hohe Anforderungen an angemessene Kommunikation, an Aushandlungsprozesse und Rollenwechsel.

Meine Eindruck ist, dass es einem zwar manchmal schwindelig werden kann, es sich aber nicht um das Zimmer handelt, was sich scheinbar dreht. Es ist eher ein Zug, der unaufhaltsam Fahrt aufgenommen hat (es ist mühsam, Metaphern für das digitale Zeitalter zu finden). Da ein Bein raus zu halten ist nicht so gut.

Dirk Baecker schätzt, dass unsere Gesellschaft noch ca. 30 Jahre benötigen wird, um mit dem Überschuss an Sinn und Möglichkeiten der nächsten, digitalen Gesellschaft umzugehen.

Entschleunigung und die Wiederentdeckung des Analogen

Um mal anzufangen und nicht nur getriebener zu sein, habe ich mir und meiner Organisation eine Struktur von Verlangsamungs- und Achtsamkeitsphasen verordnet. Ich reserviere mir Zeiten, in denen ich nicht über Kunden und operatives Geschäft nachdenke, sondern über Hintergründe, Zusammenhänge und Beobachtungen. Die Meetings finden statt in einem Wechsel von kurz und knackig zu offenen, kreativen, langen Formaten.

Das kostet manchmal Kraft, denn gefühlt muss ich die eher strategisch ausgerichteten Workshops mal mehr, mal weniger stark verteidigen gegen die eigenen Mitarbeiter, die schnell weiter wollen.

Auch auf dem Feld der Netzwerke verändert sich einiges, zumindest auch in meiner Rolle. Ich bin mehr denn je in Verbünden mit Entwicklungs- und Kooperationspartnern unterwegs, die gleichzeitig auch zu Wettbewerbern werden können. Hier besteht meine Lernphase aus der passenden Mischung aus Verbindlichkeit und Ausdauer oder schneller Verabschiedung.
Diese Netzwerke sind übrigens lokal und gar nicht digital, sondern ganz physisch.

Eine wichtige Folge der globalen, digitalen Weltgesellschaft ist das Entstehen von Nachbarschaften und die Wiederentdeckung des Analogen. Und eine zentrale Fähigkeit, die wir erlangen müssen, ist die, umzuschalten zwischen online und offline Zeiten. Wenn sich alles mal wieder zu schnell dreht. Sie wissen schon.

Autor: Holger Schlichting

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PRAXISFELD schreibt:
21.02.2017, 08:48

Ein schöner anschaulicher Artikel

Volker Schächtele schreibt:
21.02.2017, 16:19

Danke für die amüsante Anleitung zum Innehalten! Das Reflektieren kommt dann meist von allein.