Folge #11 Die Macht der Leitdifferenz

03.09.2020

Die heutige moderne Gesellschaft ist funktional differenziert und unterteilt sich in verschiedene Systeme, wie das Rechtssystem, das Wirtschaftssystem, das Wissenschaftssystem, das Politiksystem und andere mehr. Nach dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann folgt jedes System genau einer Leitdifferenz, an der es sich bewusst und unbewusst ausrichtet. Entscheidungen und Handlungen werden anhand dieser Leitdifferenz getroffen und durchgeführt.

Die Leitdifferenz der Wirtschaft lautet „Geld“ oder „kein Geld“ bzw. etwas schöner: „zahlungsfähig“ oder „nicht zahlungsfähig“. Alle Bemühungen eines Wirtschaftssystems (also jedes Unternehmens) laufen darauf hinaus, zahlungsfähig zu sein und zu bleiben. In unserer Beratungsarbeit ergibt sich daraus oft der Business Need, also der Knackpunkt, der Ursache für eine Veränderung ist. Im Unterschied dazu folgt das Politiksystem der Leitdifferenz „Macht“ oder „keine Macht“, das Sozialsystem „helfen“ versus „nicht helfen“, das Wissenschaftssystemen „wahr“ versus „falsch“. Immer sind es diese Leitdifferenzen, die das Handeln der Akteure innerhalb der Systeme letztendlich bestimmen. Dies ist einfach so und es ist auch nicht moralisch verwerflich, denn die Leitdifferenz beschreibt auch die Daseinsberechtigung der Organisation, auch wenn diese im Alltag manchmal verdeckt und unbewusst ist.

In einem Unternehmen können sich Aufgaben und Rollen herausbilden, die zunächst andere Ziele bedienen, wie z.B. ein Betriebsrat, der vor allem das Wohl der Mitarbeiter*innen im Fokus hat oder eine Abteilung für Kultur- und Organisationsentwicklung, die z.B. die Führungskultur verändern und flachere Hierarchien etablieren will, was auf den ersten Blick nicht immer der Leitdifferenz folgt. So erfreulich und wünschenswert solche Bestrebungen in Unternehmen sind, Bestand haben sie auf lange Sicht nur (wie generell alle Projekte), wenn sie der übergeordneten Leitdifferenz von Unternehmen dienlich sind bzw. in den Business Needs einzahlen. Erfreulich ist jedoch, dass das in der heutigen Zeit in der Praxis durchaus oft der Fall ist, evtl. aber zuerst in einem Sensemakingprozess der Sinn und Zusammenhang herausgearbeitet werden muss, damit die Maßnahmen am Ende erfolgreich sind.

Bei PRAXISFELD sprechen wir in diesem Zusammenhang von: “Nicht zu trennen, was zusammengehört.”

Dauer: 0:57 Std.

 

Im Podcast stellen sich die PRAXISFELD Berater Holger Schlichting und David Agert mit den Unternehmern Tobias Dehler und Martin Mayer u.a. die Fragen, wie sich Veränderungsenergie in Verwaltungen erzeugen lässt, die sich als Teilsystem des politischen Systems an der übergeordneten Frage nach Macht orientieren. Warum Politiker*innen gar nicht anders können, als bald nach der Wahl schon wieder im Wahlkampfmodus zu agieren. Oder warum Kreativität in einer Werbeagentur nur solange die Motivationsquelle ist, wie sich damit Geld verdienen lässt. Wir wünschen viel Freude und Erkenntnis beim Hören.