Strategie - Von der Expertengläubigkeit zur Neugier

20.09.2018

Strategiearbeit wurde früher in viel größeren Zeiträumen gedacht, 5-Jahrespläne waren die Regel. Seit Jahren müssen Unternehmen mehr und mehr feststellen, dass in einer komplexen Zeit wie dieser Strategiepläne auf so lange Sicht nicht mehr möglich sind. Doch ganz ohne Strategie kann es auch schmerzhaft zu spät sein, wenn auf äußere Veränderungen immer nur reagiert wird. Holger Schlichting erzählt im Gespräch mit Dorothee Dickmann, wie Strategiearbeit in Zeiten der Digitalisierung dennoch funktioniert und das auch Nicht-Wissen kultiviert werden kann.

Herr Schlichting, Veränderungen sind allgegenwärtig, Geschäftsmodelle können von heute auf morgen nicht mehr funktionieren und der 5-Jahresplan hat ausgedient. Wie können Unternehmen ihre Strategiearbeit an diese Rahmenbedingungen anpassen und trotzdem den Überblick behalten?

Firmen sind tatsächlich gezwungen in kürzeren Abständen Anpassungen vorzunehmen. Wir haben es mit dem Spagat zu tun, dass detaillierte 5-Jahres-Strategien höchstens noch rituelle Funktionen erfüllen, aber niemand mehr erwartet, dass diese Pläne eintreffen. Auf der anderen Seite erfordert es eine zumindest eine klare Vorstellung davon, wer man in fünf Jahren sein will und welche Kunden man dann hauptsächlich bedienen möchte. So eine „strategische Skizze“, wie wir sie nennen, ist jedoch vor allem als Grundlage für heutige Entscheidungen zu verstehen. Neu daran ist, dass die Strategie idealerweise nicht mehr einfach vorgeschrieben wird, sondern die Organisation ein Zukunftsbild und eine strategische Richtung gemeinsam erarbeitet und vor allem in viel kürzeren Zeiträumen reflektiert und korrigiert.

Fundamental anders ist bei diesem Weg, dass jeder in der Organisation sich an dem Zielbild orientiert und deshalb flexibler bessere eigene Entscheidungen in seinem Bereich treffen kann. Das alte Bild: „oben denken, unten handeln“ hat ganz klar ausgedient.

Dieser Wandel in der Strategiearbeit hat ja auch vor PRAXISFELD nicht Halt gemacht. Wie hast sich Strategiearbeit bei PRAXISFELD in den Jahren konkret verändert und wie handhaben Sie das heute?

Zum einen machen wir Strategiearbeit in sehr engen Abständen. Alle zwei Monate setzen wir uns einen Tag zusammen und überprüfen, was wir ändern müssen. Zum anderen lege ich als Geschäftsführer viel Wert auf mein Nichtwissen. Das ist der schwierigere Teil, nicht zu denken, dass die eigenen Beobachtungen und Ideen die allein richtigen sind. Ich organisiere bewusst, dass alle jeweils relevanten Perspektiven – dazu zählen übrigens auch die Kundenperspektiven – einbezogen werden in den Strategieprozess.

Wie verändert sich die Arbeit von Führungskräften und welchen Part übernehmen ggf. auch die Mitarbeiter  in der heutigen Strategiearbeit?

Führungskräfte haben oft den Anspruch an sich, die Richtung vorzugeben. Sich zu trauen und zu sagen „Ich weiß es noch nicht genau. Ich brauche euch zum Mitdenken.“, fällt vielen schwer. Die neue Rolle ist es, den Rahmen für den entsprechenden Prozess mit Macht und Mitteln auszustatten. Denn ohne Hierarchie geht nichts, aber sie darf nicht zum Flaschenhals werden. Die Mitarbeiter sind heute fast immer Wissensarbeiter. Und als solche sind sie Teil des Strategieprozesses.

Hat sich der thematische Fokus in Strategiearbeit geändert und wenn ja, wie?

Der Fokus geht immer radikaler auf die Wahrnehmung von Kundenbedürfnissen. Die Zeiten, wo man sich eigeredet hat, dass man ja seine Kunden gut kennt, sind fast vorbei. Auch hier hilft die Überzeugung des eigenen Nichtwissens. Das ist für manche schwer zu verdauen und sie verwechseln es mit Inkompetenz. Aber für das Neue, und auf die Gestaltung des Neuen zielt eine Strategie ja ab, kann man ja noch nicht alles wissen. Strategiearbeit wechselt heute von Expertengläubigkeit zu Neugier.

Agilität ist derzeit ein großes Wort. In welchem Zusammenhang steht es mit Strategiearbeit?

Agilität ist eine zwingende Randbedingung für diese Art von Strategiearbeit. Und umgekehrt. Selbststeuerung und Entscheidungen dort zu treffen, wo das Fachwissen ist, ist ein Kernaspekt von Agilität. Das geht nur, wenn die Strategie nicht starr ist und wenn alle die strategische Richtung nicht nur mal gehört haben, sondern die Beschäftigung damit als Teil ihrer Arbeit sehen. Heute muss sich fast jeder ein kleines bisschen mit Strategie beschäftigen, damit die Richtung des eigenen Tuns nicht verloren geht.